Die Vorliebe der Deutschen für Lebensversicherungen ist legendär. Was vor der Finanzkrise des Jahres 2008 noch harmlos als deutsche Marotte belächelt wurde, hat sich in den Zeiten der Eurolandschuldenkrise mit ihrem anhaltenden Niedrigzins aber zum wachsenden Problem entwickelt, dass empfindliche, existenzielle Konsequenzen haben könnte. Anleger, die auf Sachwerte setzen, können deutlich ruhiger schlafen.

Lebensversicherungen

Mitte Juli veröffentlichte das Statistische Bundesamt wie in jedem Jahr die demographischen Daten des Vorjahres. Vor allem eine Beobachtung erfreute: Es werden immer weniger Ehen geschieden. Die Scheidungszahl befindet sich auf dem niedrigsten Stand seit 1993. Und auch das Durchhaltevermögen erhöht sich: Gingen 1991 Ehen noch nach elf Jahren und neun Monaten zu Bruch, so dauerte es 2016 im Schnitt 15 Jahre bis zur Scheidung. Die Medaille dieser auf den ersten Blick erfreulichen Entwicklung hat aber zwei soziologische Seiten. Sie attestiert den Deutschen in den Zeiten wachsender globaler und lokaler Unsicherheiten durch Politik und Wirtschaft zu versuchen, die Verhältnisse ihrer direkten Lebenswelt zu verstetigen. Leider geht dieser Wunsch nach Stabilität und Stetigkeit aber auch mit Handlungsunwilligkeit bis hin zur Ignoranz einher und dies auch in einem Bereich, der möglicherweise noch weniger Fehler verzeiht als die falsche Partnerwahl.

Lebensversicherungen als „heilige Kuh“

Das Bedürfnis, sich gegen alle Risiken doppelt und dreifach abzusichern und großes Mißtrauen gegenüber neuen Situationen zu hegen, gilt als typisch deutsche Eigenschaft. Davon haben auch und gerade Lebensversicherungen profitiert – lange vor der Finanzkrise und bis heute. Deutschland ist das einzige Land, in dem es seit Jahrzehnten mehr Lebensversicherungspolicen als Einwohner gibt. Ein weiteres, einzigartiges Merkmal ist die Zweckbindung: hierzulande ist der weltweit größte Anteil an Policen zu finden, die zur Absicherung von Anschaffungen wie Immobilien dienen. Das ist in vielerlei Hinsicht zwar konsequent, aber nicht besonders schlau. Denn bereits lange Zeit, bevor der Name „Lehman Brothers“ eine neu Ära der Kapitalvernichtung besiegelte, standen Lebensversicherungen wegen Intransparenz und fragwürdiger Kostenstrukturen mit üppigen Abschluss- und Bestandsprovisionen in der Kritik der Verbraucherschützer. Wirklich abgesichert wurden demnach seit geraumer Zeit vor allem die Anbieter – und nicht die Anleger. Trotzdem blieb man den Lebensversicherungen treu und weigerte sich, auch nur zaghaft am Sockel dieses „goldenen Kalbes“ zu rütteln. Dagegen halfen auch die regelmäßigen Impulse, z. B. vom Deutschen Aktieninstitut DAI, nicht. Das DAI zeigte zuletzt für das Jahr 2016 auf, dass in Deutschland weniger als jeder 6. Privathaushalt Aktien besitzt, was jedem 7. Bürger über 14 Jahre entspricht. Dies ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil die Umfrage ebenfalls zeigte, dass Aktien und Gold das höchste Wertsteigerungspotenzial zugetraut wird. Dennoch verharrt die Mehrzahl der privaten Anleger in der Tradition, auf Lebensversicherungen (und Bausparverträge als gleichermaßen zinsempfindliche Anlageform) zu setzen.

Niedrigzinsen als finales Alarmsignal

Im Mai 2017 wurde in der breiten Publikumspresse eine alarmierende Zahl veröffentlicht: eine große Bank hatte errechnen lassen, dass deutsche Sparer seit 2010 rund 344 Milliarden Euro an Zinserträgen verloren haben. Der Grund dafür liegt in der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken in der gesamten Eurozone, mit der ab 2010 die Verschuldungskrisen schwächelnder EU-Mitglieder aufgefangen werden soll(te). Was schon Sparbücher verdursten lässt, hat jedoch für Lebensversicherungsnehmer noch drastischere Konsequenzen, auf die mittlerweile auch offizielle Instanzen wie die Bundesaufsicht für Finanzdienstleistungen (BaFIN) und der Bund der Versicherten deutlich hinweisen. Es ist den Lebensversicherungen wegen der genannten Niedrigzinsen fast nicht oder schlichtweg nicht mehr möglich, ihre gemachten Zusagen gegenüber den Anlegern einzuhalten und die versprochenen Auszahlungsbeiträge zu erwirtschaften. Geprüft wurden durch die Bundesfinanzaufsicht mehrere beispielhafte Fälle. So wurde bei einem Abschluss im Jahr 1997 dem Anleger eine Verzinsung von 4 Prozent garantiert, es wurde allerdings mit einem Zins von 7 Prozent kalkuliert. Die Auszahlungssumme sollte sich auf 63.163 Euro belaufen. Durch die abschmelzenden Faktoren wie die Überschussbeteiligung und die Zinszusatzreserve wurden es am Ende nur 38.877 Euro. Und das Ergebnis schrumpfte noch weiter, denn eine Beteiligung an den sogenannten Bewertungsreserven oder Überschüssen konnte nicht mehr dargestellt werden. Somit belief sich das Auszahlungsergebnis des exemplarischen Falls nur noch auf etwas mehr als 35.000 Euro und hat damit die Erwartungen um nahezu die Hälfte verfehlt. Für die Versicherer gibt es indes kein Entkommen aus der Zinsmisere: höher verzinsliche Anleihen mit Herkunft außerhalb der Eurozone oder unternehmensanleihen sind wegen der Restriktionen zur Risikobegrenzung kein Thema. Anlagen, die keine regelmäßigen Erträge abwerfen, sondern nur die Chance auf etwaige Kursgewinne bieten, kommen ebenfalls, wenn überhaupt, nur in kleinen Beimischungen infrage.

Umdenken, bevor der GAU eintritt

Sowohl angesichts der grundsätzlichen Fakten als auch vor dem besonderen Hintergrund des Niedrigzinsumfeldes haben Lebensversicherungen offensichtlich als brauchbare Option ausgedient. Und dennoch sorgt die risikoscheue Haltung zahlloser Privatanleger für die Palliativpflege dieses klinisch toten Patienten. Hier wird deutlich, dass Risikobewusstsein als an sich wünschenswerte Eigenschaft auch umschlagen kann in Lethargie. Die Idee einer neuen Entscheidung scheint bedrohlicher als das Festhalten an offensichtlich falschen Positionen der Vergangenheit. Diese Haltung erinnert fast an die „Coolness“ der Belegschaft im Atommeiler Harrisburg, der 1979 kurz vor dem GAU der Kernschmelze stand. Man erzählt sich, dass einfach der Kantinenspeiseplan über die erste, flackernde Signalleuchte gehängt wurde, bevor alle ruhig zurück an die Arbeit gingen. Laut Aussage des Bundesfinanzministeriums ist derzeit jeder fünfte Anbieter von Lebensversicherungen existenzgefährdet. Nichts zu unternehmen, dürfte also spätestens jetzt keine Option mehr darstellen. Eine Rückbesinnung darauf, mit welchen Erwartungen die Lebensversicherung eigentlich abgeschlossen wurde, könnte helfen, den Denkprozess nochmal neu zu starten. Denn am Anfang standen zumeist die Bedürfnisse des Kapitalerhalts, der Planungssicherheit und der Wertstabilität – Eigenschaften, mit denen ausgewählte Sachwertanlagen überzeugen können.

Autor: GranValora

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